8. Mai Stade


  Menschen gedenken Menschen

Blumen für die Opfer des Nationalsozialismus

Kein Grabstein erinnert an die Toten


Von Björn Vasel


ALTES LAND. Kurz vor dem Kriegsende verlegte das NS-Regime rund 5000 polnische Offiziere aus dem Kriegsgefangenenlager Sandbostel nach Lübeck, um Platz für KZ-Häftlinge zu schaffen. Auf diesem Marsch fanden zwei Männer den Tod im Alten Land, an die Opfer soll jetzt erstmals erinnert werden.


Kein Grabstein gedenkt (bislang) auf den Friedhöfen in Stade und in Steinkirchen der zwei Leutnants der polnischen Heimatarmee als Opfer des Nationalsozialismus. Das wollen Michael Quelle, ein Experte für die NS-Geschichte im Landkreis Stade, und Dr. Lars Hellwinkel von der Gedenkstätte Lager Sandbostel ändern. Sie haben jetzt auf den Friedhöfen in Stade und Steinkirchen für die Offiziere Jerzy Kobylinski und Waclaw Szelagowski an deren Todestagen einige Rosen in den polnischen Nationalfarben an den Begräbnisorten niedergelegt und Namenstafeln aufgestellt.


Szelagowski und Kobylinski waren beide im Oktober 1944 als Angehörige der polnischen Heimatarmee (Armia Krajowa) nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstands in Gefangenschaft geraten, sagt Michael Quelle aus Stade. Die Offiziere kamen Anfang 1945 mit 5500 Soldaten nach Sandbostel.


Auf dem Friedhof in Steinkirchen liegt der polnische Leutnant Waclaw Szelagowski . Auf der Grabplatte steht noch immer: unbekannter Soldat. Quelle hat das Schild am Todestag ans Grab gesetzt. Fotos: Vasel


Angesichts des Vormarsches der Roten Armee im Zuge der erfolgreichen Offensive im Sommer 1944 hatte sich die nationalpolnische Heimatarmee am 1. August gegen die deutschen Besatzer erhoben und konnte große Teile der Hauptstadt befreien. Allerdings unterstützten lediglich die Westalliierten den Aufstand. Denn Stalin wollte kein starkes, bürgerliches Polen und wollte das kommunistische Lubliner Komitee als Regierung installieren. Die Folge: Während die britische Royal Air Force unter anderem Waffen mit dem Fallschirm über Warschau abwarf, kamen die Sowjets den Aufständischen nicht zur Hilfe. Dabei stand die Rote Armee bereits auf der anderen Seite der Weichsel.

140 Kilometer zu Fuß


SS- und Polizeieinheiten sowie Wehrmachtsverbände schlugen den Aufstand nieder. 63 Tage lang hatten die Polen gegen die Nazis gekämpft, am 1. Oktober 1944 mussten sie kapitulieren. 180 000 Polen, überwiegend Zivilisten, verloren auch durch die Massenmorde der „Kampfgruppe Reinefarth“ ihr Leben, 60 000 Menschen wurden in KZs deportiert und Hunderttausende Warschauer zwangsevakuiert. Danach zerstörten die Deutschen die fast menschenleere Hauptstadt.


Die Mitglieder der Heimatarmee erhielten den völkerrechtlichen Status von Kombattanten. Die Offiziere kamen in das Oflag II D Groß-Born (Westpommern). Aufgrund des Vormarsches der Russen wurden 6000 polnische Offiziere am 27. Januar 1945 in westliche Richtung in Marsch gesetzt – die ersten 140 Kilometer zu Fuß. Dann ging es aufgrund des schlechten Gesundheitszustandes mit der Bahn weiter. Nach Aufenthalten in anderen Lagern erreichten sie am 28. März 1945 das Stalag X B Sandbostel. Anmerkung: Die Offiziere wurden gemäß den Genfer Konventionen behandelt, einfache Soldaten hingegen bereits nach der Auflösung Polens ab 1939/1940 in zivile Zwangsarbeit überführt, um sie insbesondere in der Rüstungsproduktion und Landwirtschaft einzusetzen. Der Umgang mit den polnischen Kriegsgefangenen war – im Gegensatz zu den sowjetischen – weniger durch die rassistische NS-Ideologie, sondern vor allem von den Erfordernissen der deutschen Kriegswirtschaft geprägt.

Die tödlichen Schüsse fielen in Guderhandviertel


Um Platz für 9500 KZ-Häftlinge zu schaffen, wurden die Offiziere ab Anfang April nach Lübeck verlegt. Die 5500 Polen waren in 150 Mann starken Kolonnen unterwegs, eskortiert von fünf bis acht Wachleuten. Unter ihnen waren auch Szelagowski und Kobylinski. Bei einem Stopp in Guderhandviertel schossen die Bewacher am 12. April 1945 auf die beiden Offiziere. Szelagowski starb vor Ort und wurde auf dem Friedhof in Steinkirchen begraben. Kobylinski verstarb am 15. April in Folge seiner lebensgefährlichen Verletzungen in Stade im Krankenhaus. Er wurde auf dem Garnisonsfriedhof begraben. In einer Meldung der Gemeinde Guderhandviertel an die Briten wird der Fall am 25. November 1949 bestätigt. „Die polnischen Kriegsgefangenen gingen trotz Verbot hausieren“, heißt es, dabei sei es zu „einem Zischenfall“ gekommen. Dr. Hellwinkel und Quelle vermuten, dass sie fliehen oder sich etwas zum Essen organisieren wollten.


Während in Stade kein Stein auf dem Grab liegt, erinnert in Steinkirchen auf dem kirchlichen Friedhof zumindest eine Grabplatte für einen „unbekannten“ Soldaten indirekt an Szelagowski.


Michael Quelle und Dr. Lars Hellwinkel legen Rosen in den polnischen Nationalfarben auf dem Garnisonsfriedhof in Stade nieder: Dort ist der Leutnant Jerzy Kobylinski begraben worden. Kein Stein erinnert an ihn.

Gedenken am Volkstrauertag 2020 möglich?


2017 hatte Michael Quelle der Gemeinde Steinkirchen bereits seine Recherchen mitgeteilt, im April berichtete auch das TAGEBLATT. Weil es sich um Kriegsgräber handelt, ist die politische Kommune zuständig. Eigentlich sollte zum 75. Todestag eine Grabplatte an Szelagowski (†33) erinnern. Die Gemeinde sah sich außerstande, eine Grabplatte aus dem eigenen Haushalt zu bezahlen. Deshalb wurde Anfang 2020 von Gemeindedirektor Tim Siol ein Antrag auf Kostenübernahme beim Innenministerium gestellt. Bürgermeisterin Sonja Zinke hofft jetzt, dass beim Volkstrauertag am 15. November 2020 – gemeinsam mit seinen Angehörigen und Vertretern der polnischen Botschaft – an Szelagowski gedacht werden kann. Es gelte, den Toten ihre Identität zurückzugeben, und vor Ort die Erinnerung an das NS-Terrorregime als Mahnung zu bewahren, sind sich die Bürgermeisterin Zinke und Pastor Olaf Prigge mit Quelle und Dr. Hellwinkel einig.


Kobylinskis Name findet sich noch auf einem alten Gräberplan. Seine Gebeine ruhen ohne jeden Hinweis in einer – im Gegensatz beispielsweise zu Denk- und Grabmälern für deutsche Soldaten – eher ungepflegten Ecke des Garnisionsfriedhofs in Stade.


Nachtrag: Das Museum Warschauer Aufstand hat Quelle und Hellwinkel gedankt, dass im Kreis Stade den Angehörigen des Warschauer Aufstands gedacht wird. Hellwinkel: „Auch in Polen ist das offiziell erst seit Ende des Kommunismus der Fall.“





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