8. Mai Stade


  Menschen gedenken Menschen

Blumen für die Opfer des Nationalsozialismus

Blumen am Grab des kleinen Ivan


Von Anping Richter


LANDKREIS. Als Ivan Nowikow im April 1945 starb, war er ein Baby von sechs Monaten. Seine Mutter war Zwangsarbeiterin. Viele Gräber der Kinder von Zwangsarbeiterinnen im Landkreis Stade sind heute vergessen. Für sie bemüht sich der Stader Michael Quelle um ein würdiges Gedenken.


Am Ende des Zweiten Weltkriegs vor inzwischen 72 Jahren wurden Millionen Zwangsarbeiter in Deutschland befreit. Unter ihnen waren auch viele Frauen, die meisten aus Polen und den Ländern der damaligen Sowjetunion. Wie die Mutter des kleinen Ivan Nowikow, an dessen Tod bis heute ein Grabstein auf dem Friedhof in Schwinge erinnert. Nur sein Todesdatum, der 1. Juli 1943, steht auf der schlichten Steinplatte. Dass es sich bei dem Grab, das der Friedhofsverband Schwinge bis heute pflegt, um ein Kindergrab handelt, hat Michael Quelle aus Stade herausgefunden, der sich seit vielen Jahren für das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus einsetzt. Auf der Suche nach vergessenen Gräbern der Kinder von Zwangsarbeiterinnen im Landkreis Stade wurde er in Sterbebüchern der Gemeinden und alten Kriegsgräberlisten im Niedersächsischen Landesarchiv (Staatsarchiv) in Stade fündig (siehe Liste unten). So wissen wir heute, dass Ivan Nowikow im Dezember 1942 geboren und nur ein halbes Jahr alt wurde.


Bis 1943 wurden schwangere Zwangsarbeiterinnen in der Regel in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt. Später wurden sie oft zur Abtreibung gezwungen, auch in der sogenannten „Ausländerbaracke“ des Krankenhauses in Stade. Brachten Zwangsarbeiterinnen trotzdem Kinder zur Welt, wurden sie ihnen meist weggenommen und ab Juli 1943 in „fremdvölkische Kinderheime“ gebracht, wo sie in der Regel an Hunger oder Vernachlässigung starben. Im Landkreis Stade gab es vier solcher Heime: in Balje, in Klein-Fredenbeck, in Jork-Borstel und in Drochtersen-Nindorf. In den offiziellen Gräberlisten tauchten diese Kinder nicht auf, inzwischen erinnern, wie berichtet, Gedenksteine auf den örtlichen Friedhöfen an die in den Heimen verstorbenen Kinder.


Einige Zwangsarbeiterinnen, darunter die Mutter von Ivan Nowikow, durften ihre Kinder bei sich behalten. „Es gab zwar Druck, aber die letzte Entscheidung, ob die Mütter ihre Säuglinge weggeben mussten, lag bei den Höfen“, weiß Michael Quelle.


Doch auch von diesen Kindern starben viele, so wie Ivan Nowikow, der nur sechs Monate alt wurde. „Die Ernährungslage war hart, für Zwangsarbeiterinnen war sie noch härter“, erläutert Quelle. Dabei sei es den Zwangsarbeiterinnen auf den Höfen besser ergangen als denen in Fabriken. Einige Familien setzten sich über das Verbot hinweg, mit den „Fremdarbeitern“ an einem Tisch zu essen.


Wie viele Kinder von Zwangsarbeiterinnen während des Kriegs im Kreis Stade starben, ist kaum zu sagen. Bei manchen wurde der Tod vermerkt, bei vielen vermutlich nicht. In Jork, hat Susanne Höft-Schorpp vom Altländer Archiv herausgefunden, sind drei Kinder gestorben, ihr Begräbnisort ist aber bis heute unbekannt.


„Es waren in der Regel winzige Grabhügel“, weiß Michael Quelle. An einige erinnerten sich Zeitgenossen später, als die Alliierten für das Gedenken an Kriegsgefangenengräbern sorgten. Damals wurden einheitlich Grabsteine gesetzt und Gräber teilweise rekonstruiert.


Nach 1959 wurden die meisten Gräber von Zwangsarbeiterkindern, die während des Krieges gestorben waren, von den Listen der Kriegsgräber, für die das „ewige Ruherecht“ gilt, gestrichen. Für diese Gräber erhielten die Gemeinden keine Grabpflegepauschale mehr – das geschah in Buxtehude und in Oederquart, in Essel und Freiburg, in Stade und Schwinge. Manche Gräber wurden eingeebnet, andere verwahrlosten.


Ivan Nowikow starb 1943 im Alter von sechs Monaten. Heute blühen auf seinem Grab Blumen. So ist es, seit er sich erinnern kann, sagt Ernst-Wilhelm Cordes, 1. Vorsitzender des Friedhofsverbands in Schwinge. Für viele im II. Weltkrieg verstorbene Babys von Zwangsarbeiterinnen fehlen aber Gedenkorte. Foto Richter


In Schwinge aber wird das Grab des kleinen Ivan, obwohl es auf keiner Liste steht, bis heute ganz selbstverständlich gepflegt. Im Winter liegen Tannenzweige darauf, im Frühling blühen Stiefmütterchen. „Dieses Grab ist hier, seit ich mich erinnern kann, und es ist immer gepflegt worden“, berichtet Ernst-Wilhelm Cordes, Erster Vorsitzender des Friedhofsverbands in Schwinge. Dessen Trägerin ist die Realgemeinde, was darauf zurückgeht, dass das Gelände einst von der Familie von der Decken gestiftet wurde. Bis heute wird die komplette Verwaltung von Ehrenamtlichen gestemmt – „und wir wirtschaften viel günstiger als andere Friedhöfe“, sagt Ernst-Wilhelm Cordes.


Die noch vorhandenen Kindergräber fallen heute wieder unter das Kriegsgräbergesetz und genießen somit „ewiges Ruherecht“, berichtet Michael Quelle. Er würde sich wünschen, dass in den Gemeinden an die verstorbenen Kinder der Zwangsarbeiterinnen erinnert wird. „Ihrer sollte vor Ort als Opfer des Nationalsozialismus gedacht werden“, sagt er und nennt ein Beispiel dafür, welche Wichtigkeit das Gedenken auch nach 70 Jahren noch haben kann: 2014 besuchte der Belgier Jean Dupont das Grab seiner Schwester Maria. Sie starb am 28. Februar 1945, zehn Tage nach ihrer Geburt, in Fredenbeck. Duponts Mutter stammte aus Weißrussland und war Zwangsarbeiterin auf einem Hof in Mittelnkirchen. Dem Mädchen, das sie im Entbindungsheim in Fredenbeck gebar, hat ihr Bruder mit einem kleinen Grabstein, der bis heute in Fredenbeck steht, ihren Namen zurückgegeben: Maria Kocinbko.


Zum 72. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus am Montag, 8. Mai, ruft eine Initiative von Privatpersonen aus Gewerkschaften, Verbänden und Parteien dazu auf, der Opfer des Nationalsozialismus an möglichst vielen Gräbern und Grabstätten vor Ort zu gedenken und Blumen niederzulegen. Es gibt auch zwei feste Treffpunkte um 18 Uhr: In Buxtehude am Eingang des Friedhofs Ferdinandstraße, in Stade am Haupteingang des Camper Friedhofs.

 

Für eine Kultur der Erinnerung: Die Namen der vergessenen Kinder


Ein Beispiel dafür, wie wichtig Orte der Erinnerung sind: 2014 suchte der Belgier Jean Dupont das Grab seiner Schwester Maria, die am 28. Februar 1945, zehn Tage nach ihrer Geburt, im Entbindungsheim für fremdvölkische Kinder in Fredenbeck starb. Duponts Mutter stammte aus Weißrussland und war Zwangsarbeiterin auf einem Hof in Mittelnkirchen. Dem Mädchen, das sie damals in Fredenbeck gebar, hat ihr Bruder mit einem kleinen Grabstein, der bis heute am Gedenkstein für die verstrobenen Kinder in Fredenbeck steht, fast 70 Jahre später ihren Namen und ihre Identität zurückgegeben: Maria Kocinbko.


Verstorbene Kinder ohne gemeldetes Grab:


Grina (Giena?) Baluwak, geboren 23.4.1944, gestorben 9.4.1945 in Jork; Alicja Tarabara, geboren am 4.2.1945, gestorben am 23.2.1945 in Jork; Ursula Oniske, geboren 26.12. 1943, gestorben 11.5.1945 in Jork. Siekora (Mutter aus Polen), gestorben im Alter von drei Monaten und acht Tagen am 8.2.1944 in Drochtersen; Jakesch, gestorben im Alter von zehn Monaten am 3.4.1944 in Drochtersen; Tarow, lebte nur einen Tag lang, gestorben am 31.5.1994; Warnkess, (Totgeburt), 9.8.1943 in Drochtersen. Joseph Mirowsky, geboren am 1.1.1945 in Klein Fredenbeck (fremdvölkisches Kinderheim), gestorben am 26.3.1945 in Bargstedt.


Kinder, deren Gräber nach 1959 aus den Kriegsgräberlisten gestrichen wurden:


Irene Grete Basiak, 9.2.1944 bis 5.2.1945 in Essel; (ohne Vorname) Garbacz, 16.1.1941 bis 16.1.1941 in Buxtehude, Ferdinandstraße; Austonija Schurawel, 30.1.1944 bis 30.5.1944 in Oederquart; Miezcylaw Strychalski, 7.10.1943 bis 8.10.1943 in Oederquart; Janek Soben, 5.12.1944 bis 22.5.1945 in Oederquart; ein unbekanntes Polenkind, gestorben 19./20.4.1945 (Mutter Marianna Kienski) in Stade-Wiepenkathen. Stanislaw Mikolajczak, 21.4.1942 bis 13.4.1944 in Freiburg (Gedenkplatte vorhanden). Anna Doroschinecz, 21.4.1943 bis 26.4.1943 in Freiburg; Widhold Kesick, 14.1.1942 bis 7.8.1943 in Freiburg. Manfred Sendreiko (Niederlande), 14.12.1941 bis 19.1.1945 Stade, Horstfriedhof; Roland Gelain (Niederlande), fünf Jahre alt, 20.1.1945 Stade, Horstfriedhof; Edwin Herrmann (Pole), 31.10.1944 bis 22.4.1945 Stade, Horstfriedhof. Ivan Nowikow, Dezember 1942 bis 1.7.1943 in Schwinge.


Kinder, deren Gräber erhalten sind, weil sie noch in ihren Heimatländern geboren wurden oder erst nach Kriegsende starben:


Rysgard Rozycki, 30.3.1941 bis 2.4.1942 in Assel (Grabstätte nicht erkennbar); Rita Valters, 6.2.1944 bis 9.4.1945 Buxtehude, Ferdinandstraße, Gedenkstein; Walka Bedek, 25.5.1941 bis 1.5.1944 in Hollern-Twielenfleth.


*Die hier wiedergegebenen Namen sind in der damaligen Zeit oft nicht in korrekter Schreibweise in den Listen und auf den Grabsteinen vermerkt worden.

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