8. Mai Stade


  Menschen gedenken Menschen

Blumen für die Opfer des Nationalsozialismus

Blumen am Grab der Zwangsarbeiter


Von Björn Vasel


LANDKREIS. Blumen auf Gräbern und Gedenkstätten sollen am 8. Mai an die Opfer des Nationalsozialismus im Kreis Stade erinnern. Dazu rufen Gewerkschaften, Parteien und Verbände auf.


05.05.2016, 19:36


Der DGB Elbe-Weser ruft gemeinsam mit GEW, Bündnis 90/Die Grünen, BUND, Linke, Rosa-Luxemburg-Club, Attac, Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/ Bund der Antifaschisten und Jusos zum Gedenken auf. An 29 Orten im Landkreis Stade wurden Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter und ihre Kinder sowie Kriegsgefangene, vor allem aus der früheren Sowjetunion, von 1939 bis 1945 begraben oder verscharrt – oftmals am Rande des Friedhofes. 225 Gräber haben Historiker bislang im Kreis dokumentieren können. Ein Beispiel ist der kirchliche Friedhof „Ferdinandstraße“ in Buxtehude: Dort erinnert ein Grabstein an fünf sowjetische Zwangsarbeiter beziehungsweise Kriegsgefangene und das Kleinkind Rita Valters, Tochter einer lettischen Zwangsarbeiterin. Sie wurde nur ein Jahr alt und starb am 9. April 1945. „Oberstes Ziel war es, die Arbeitskraft der Frau trotz Schwangerschaft und Geburt voll auszuschöpfen“, sagt der Historiker Hartmut Lohmann und verweist auf den SS-Erlass von 1943. Auf das Leben von Mutter und Kind sollte keine Rücksicht genommen werden, sie galten den Nationalsozialisten als „rassisch minderwertig“. Das galt auch für die Kriegsgefangenen aus der UdSSR.


Diese waren an der Unterelbe ab Oktober 1941 nicht nur in dem „Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlager (Stalag g X B) in Sandbostel interniert, sondern mussten zum Teil auch in einem der mehr als 1100 Arbeitskommandos im gesamten ElbeWeser-Dreieck in Fabriken und in der Landwirtschaft arbeiten; sie wurden völkerrechtswidrig behandelt – und drangsaliert, Tausende starben an Misshandlungen, Hunger, Seuchen und Erschöpfung oder wurden wie Dmitry Semenov (†24) am 6. Dezember 1944 „wegen Arbeitsverweigerung“ in Buxtehude erschossen. Das geht aus seiner Karteikarte hervor, die in der Gedenkstätte „Lager Sandbostel“ aufbewahrt wird.


Begraben wurden Semenov und die anderen an der Ferdinandstraße in Einzelgräbern. Die Zwangsarbeiter gehörten zum Arbeitskommando 63. Drei von ihnen – Egor Kramarenko (†28), Fedor Bezduganov (†35) und Michail Uchanow (†25) – starben am 18. Juni 1944 bei einem Bombenangriff auf das Zwangsarbeiterlager am Alten Postweg. Sie mussten in der Maschinenfabrik Kröhnke am Brillenburgsweg arbeiten und U-BootMotoren bauen.


Der ehemalige Bürgermeister Hans-Georg Freudenthal (SPD) berichtet in seinen Erinnerungen von zehn Bomben, die an diesem Tag auf das Lager und die Gärten der Siedlung am Ellerbruch in Buxtehude-Altkloster nahe der Fabrik fielen. Es gab Verletzte und Tote. Weitere Zwangsarbeiter mussten auch in der Lederfabrik, der Nudelfabrik Birkel, der Leimfabrik und in fast jedem landwirtschaftlichen Betrieb arbeiten. Der Arbeitsamtsbezirk Stade verzeichnet am Kriegsende rund 7000 Zwangsarbeiter und etwa 1000 Kriegsgefangene.


Weitere Informationen über die Todesumstände von Donka Kobja und Rita Valters gibt es (noch) nicht, sagt der Geschichtsforscher Michael Quelle. Der Stader wirbt dafür, dass geschichtsinteressierte Friedhofsbesucher – nicht nur in Buxtehude – mehr über die Opfer des Nationalsozialismus erfahren.


Deshalb hat sich Quelle an die St.-Petri-Kirchengemeinde in der Stadt Buxtehude gewandt. „Der Grabstein weist außer den fünf Namen keine Angaben über die Identität der Toten auf“, sagt der Stader und schlägt vor, eine Geschichts- und Erinnerungstafel an dem Gedenk-/Grabstein aufzustellen. Bislang stehen dort nur die (zum Teil falsch geschriebenen Namen) und „1944 1945“.


Er bittet die Kirchengemeinde, die Inschriften zu ergänzen. Die Deutsche Kriegsgräberfürsorge rät, Grabzeichen von Kriegstoten und Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft mit Vor- und Familiennamen, Geburtsund Todestag des Bestatteten, Staatsangehörigkeit und Dienstgrad zu versehen. Sinnvoll erscheint ihm die geschichtliche Aufarbeitung durch Historiker oder eine Geschichts-AG einer Schule. Die Tafel selbst sollte in Zusammenarbeit mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der Stadt, der Gedenkstätte Sandbostel und vielleicht einem Schulprojekt erstellt werden.


Die Kirchengemeinde will das Thema jetzt auf die Tagesordnung des Friedhofsausschusses setzen. Weitere Infos gibt es im Internet.


www.michael-quelle.de


www.stiftung-lager-sandbostel.de

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